Auf dem Weg

(Du bist fort. Aber ich bleibe bei dir.)

Auf dem Weg zu dir finde ich eine tote Libelle, die Flügel noch ganz heil, der Körper glänzend, verweht vom Wind.

Rot und starr schwebt es über dem Eingang und es sitzen kettenrauchende Untote darunter, mit neidischen Blicken auf das Lächeln, das um meinen Mund tanzt. Sie sind neidisch auf die Lebenden, auf die Gesunden, mit zwei Beinen und gutem Appetit. Sie haben sich aufgegeben. Aber du dich nicht.

(Ich komme dir näher.)

Der Geruch von angefüllten Kathederbeuteln und übervollen Bettpfannen mischt sich mit dem scharfen Geruch des Desinfektionsmittels und Arznei. Das Essen wird gebracht, es riecht nach Fußschweiß. Du isst es gerne, weil du dich freust noch essen zu können.

Die Tür steht immer offen. Die Frau stöhnt vor Schmerzen, kann sich nicht winden, will schlafen und sterben, bekommt Morphium. Täglich. Viel. Bald noch mehr. Sie stöhnt weiter und hat Schmerzen.

Vom Kummer gezeichnete Frauen mit Kopftüchern und großen Taschen kommen mir entgegen, verschwinden in Aufzügen, Zimmern, Treppenhäusern, Eingängen, Aufenthaltsräumen. Sie pflegen ihre Männer. Genau wie ich dich pflegen werde.

(Ich glaube, man nennt es Liebe.)

Und da liegst du. Allein, von Bauchschmerzen gequält. Ich weiß nicht mal ob du froh bist mich zu sehen oder ob ich dich und deinen Zimmernachbarn nerve. Mit meiner Fröhlichkeit. Mit meiner Nettigkeit. Mit meiner Gesundheit.

(Ich bleibe.)

Während ich dir den Arm streichle, frage ich mich ob wir das überstehen. Gemeinsam. Allein. Du und ich. Werden wir es schaffen?

Ich verabschiede mich und gehe.

 

(Ich nehme dich mit. Immer. Weil wir es schaffen.)

 

Du bleibst bei mir. Und die Libelle weht im Wind.

19.8.07 20:44
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de